Kolumnenbeitrag Neckar-Chronik: Für eine neue Aktienkultur

Kolumnenbeitrag Neckar-Chronik: Für eine neue Aktienkultur

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Erschienen am 21.09.2016 in der Neckar-Chronik im Rahmen der Kolumne „Der Abgeordnete“:
Erst war es ein Riesen-Hype, dann kam der jähe Absturz: Die als „Volksaktie“ beworbene „T-Aktie“ der Deutschen Telekom lockte Ende der 1990er Jahre vermehrt Kleinanleger an den Aktienmarkt – und enttäuschte dann nachhaltig. Seither verharrt der Anteil des Aktienbesitzes am Vermögen der Deutschen weiterhin auf einem geringen Niveau. Nicht einmal jeder achte Deutsche besitzt Aktien. Zum Vergleich: Bei den US-Amerikanern ist es etwa die Hälfte, in der Schweiz immer noch etwa jeder fünfte. Dabei böte das aktuelle Marktumfeld der niedrigen Zinsen eigentlich allen Anlass, das Investitionsportfolio zu überdenken.
Auch die Zeiten der „Deutschland AG“ sind lange vorbei. Die Aktien deutscher Großunternehmen sind zunehmend in der Hand großer, diversifizierter, institutioneller Investoren wie BlackRock oder Vanguard aus den USA. Dies birgt einzelbetriebliche Chancen, aber volkswirtschaftlich erhebliche  Risiken. Erste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Investment-Giganten häufig an mehreren oder gar allen Unternehmen einer Branche beteiligt sind. Dies kann dann zu drohenden Einschränkungen des Wettbewerbs führen. Hierzu habe ich nun für meine Fraktion eine parlamentarische Anfrage an die EU-Kommission gestellt. Auch die Bonner Monopolkommission äußert sich in ihrem jüngsten Bericht kritisch. Denn die geballte Ansammlung von Kapital und Macht muss die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen.
Sinnvoller wäre, den Aktienbesitz breiter zu streuen. Hierfür ist eine neue Aktienkultur notwendig –  wenn mehr Bürger in Deutschland Anteile an den Unternehmen im Land hätten, wäre eine „Deutschland AG 4.0“ möglich. German Mut statt German Angst für eine neue Deutschland AG! Dadurch wäre die Bevölkerung noch stärker am wirtschaftlichen Erfolg des eigenen Landes beteiligt.
Aktien sollten dabei auch als Instrument der Demokratisierung der Wirtschaft verstanden werden, nach dem Motto: Wer nicht möchte, dass unser hochtechnologisches Know-how auswandert wie jüngst beim Verkauf von Kuka durch chinesische Investoren, der Unternehmenssitz in die USA oder der eigene Arbeitsplatz nach Brasilien verlegt werden, kann sich solchen Entwicklungen als Anteilseigner entgegenstellen ebenso wie er sich für Sozialstandards, Umweltschutz und korrektes Begleichen steuerlicher Forderungen stark machen kann.
Ein Weg hierfür sind Belegschaftsaktien, bei denen beispielsweise Bonuszahlungen oder ein Teil des Lohns als langfristige Aktienoptionen ausgezahlt werden – so steigt gleichzeitig auch die Identifikation mit dem Unternehmen. Manche Unternehmen wenden dies bereits erfolgreich an, so zum Beispiel im Landkreis Freudenstadt die HOMAG AG. Derartige Modelle sollten ausgebaut und steuerlich besser gefördert werden.
Eine „Deutschland AG 4.0“ mit anteilig wieder mehr Kleinanlegern benötigt auch mehr regulatorische und gesetzliche Spielräume, etwa: Steuersenkungen für geringe und mittlere Einkommen, Beibehaltung der Abgeltungssteuer, Anhebung des Sparerpauschbetrags und weg mit kalter Progression und Solidaritätszuschlag. Dies ist der Weg hin zu einer in der Mittelschicht verankerten Gesellschaft der Eigentümer.

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