Europäischer Meisterbrief (Kolumne in der Südwest Presse)

Europäischer Meisterbrief (Kolumne in der Südwest Presse)

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Deutschland erfreut sich der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa. Eine der wesentlichen
Ursachen hierfür liegt in der dualen Berufsausbildung, zu der das Handwerk erheblich beiträgt. Gleichzeitig liefern die Betriebe vom Zimmermann bis zum Elektrotechniker Waren und Dienstleistungen in Top-Qualität, und tragen dem Anspruch von Zuverlässigkeit, Sicherheit und Verbraucherschutz sowie Ästhetik und Kreativität in höchstem Maße Rechnung. Was dies beides möglich macht? Der Meisterbrief, eine historisch gewachsene Errungenschaft des Handwerks und eine Qualifikation, die belegt, dass jemand die Voraussetzungen hat für selbstständiges, nachhaltiges Unternehmertum. Jedoch ist das System des Meisterbriefs und damit auch das der dualen Ausbildung aufgrund der Überprüfung der Berufs-Zugangsvoraussetzungen durch die EU-Kommission in Gefahr. Offiziell heißt es, man analysiere lediglich die Situation in den einzelnen EU-Ländern. Grundsätzlich ist das begrüßenswert. Übermäßig strenge Auflagen für die Ausübung eines Berufs in einem EU-Staat, die ein Einwanderer aus einem anderen EU-Staat unmöglich erfüllen kann, verstoßen gegen die Niederlassungsfreiheit, die eine der Grundfesten unseres gemeinsamen Binnenmarktes ist. Der Eintrag in die Handwerksrolle ist in Deutschland Voraussetzung für die selbständige, unternehmerische Ausübung von 41 Handwerks-Berufen. Eintragen kann man sich eigentlich nur mit dem Meisterbrief – aber: Es gibt genug Flexibilität, um Einwanderern aus anderen EU-Ländern Alternativen für den Eintrag in die Handwerksrolle zu ermöglichen – ausreichende Berufserfahrung oder in der Heimat erworbene Zertifikate beispielsweise.

Weshalb also sollte die EU-Kommission zu dem Schluss kommen, dass das deutsche Handwerk erneut dereguliert werden muss? Dafür gibt es mehrere Anhaltspunkte: Angesichts von Eurokrise und Rezession versucht die Kommission, Wachstumspotenziale auszuschöpfen, wo sie nur kann – zu Recht. Deregulierung ist in vielen Fällen das Mittel der Wahl – aber eben nicht immer. Gleichmacherei kann wie im Fall des deutschen Meisterbriefs großen Schaden anrichten. Es wäre also zwar nicht überraschend, wenn die Kommission am Ende eine weitere Deregulierung des deutschen Handwerks empfehlen würde. Würde sie aber einen Gesetzesvorschlag vorlegen, müsste dieser vom Ministerrat und dem Europaparlament verhandelt werden. Als FDP-Europaabgeordneter, zuständig für Wirtschaft, werde ich für die Vorzüge des deutschen Systems der dualen Ausbildung und des Meisterbriefs kämpfen und mich dafür einsetzen, dass auch andere EU-Länder von unserem System lernen können. Am Ende könnte dann ein europäischer Meisterbrief stehen.

1 Comment

  1. Daniel von der Ohe sagt:

    Guten Abend Herr Theurer,

    ich kann mich daran erinnern, dass nach der letzten Deregulierung, als der „Meisterzwang“ in vielen Handwerksberufen abgeschafft worden ist, diese Handwerksbetriebe größte Probleme mit Handwerkern ohne Meisterbrief vorwiegend aus Osteuropa hatten.

    Diese Deutschen Handwerksbetriebe mit Meisterbrief konnten dann nach einiger Zeit die ganze qualitativ minderwertige Arbeit dieser Handwerker ohne Meisterqualifikation wieder in Ordnung bringen.

    Aus diesem Grund fände ich es toll wenn Sie sich im europäischen Parlament zusammen mit den anderen deutschen Fraktionen für einen europäischen Meisterbrief einsetzen der mindestens auf dem deutschen Niveau basiert.

    Mit freundlichen Grüßen

    Daniel von der Ohe
    Landesjugendleiter BBW